Gorch Fock nach Hause beordert

kielmonitor

In den letzten Tagen überschlagen sich die Nachrichten über die Vorkommnisse an Bord des Segelschulschiffes Gorch Fock. Nach dem Tod der im November im brasilianischen Salvador da Bahia verunglückten Offiziersanwärterin sei es an Bord zu einigen unpassenden Vorfällen gekommen. Die Ausbildungsfahrt wurde daraufhin abgebrochen und die Gorch Fock setzte ihre Reise mit der Stammbesatzung fort. Nun erhebt die Mutter der Soldatin schwere Vorwürfe gegenüber den Verantwortlichen. In diesem Zusammenhang wurden weitere Details über den ruppigen Umgangston und den rauhen Gepflogenheiten an Bord bekannt. Es wurde eine Untersuchung in Gang gesetzt, die sich bereits wieder auf der Marineschule in Flensburg befindlichen Offiziersanwärter befragt, und auch eine Kommission nach Argentinien entsandt, um an Bord die Lage zu klären.
Die negative Medienpräsenz, Berichte über Meuterei und Interviews, in der sich ein Soldat sehr negativ über die Geschehnisse an Bord äussert, brachte das Fass zum Überlaufen. Die Gorch Fock, die zur Zeit vor einer Webcam im argentinischen Ushuaia liegt, wurde von Verteidigungsminister zu Guttenberg umgehend nach Hause beordert und der amtierende Kommandant, Kapitän Norbert Schatz, mit sofortiger Wirkung seines Amtes enthoben. Der Untersuchungskommission, die am kommenden Donnerstag vor Ort erwartet wird, gehört auch Schatz´ Vorgänger Michael Brühn an, der das Schiff zurück nach Kiel bringen soll. Sie wird ihren Heimathafen bereits im März erreichen und bis auf weiteres stillgelegt.

Bei KNSpiegel und Focus kann man sich über den Stand der Dinge informieren, auf ESYS gibt es einen lesenswerten Artikel.

Die Entscheidung von Minister Guttenberg erscheint etwas vorschnell. Die Untersuchung der Vorfälle ist ja noch nicht abgeschlossen, die Truppe kommt ja auch erst am Donnerstag überhaupt in Argentinien an. Durch die ungünstige Häufung der Zwischenfälle in der Bundeswehr zur Zeit scheint der Minister, der ja viel Wert auf seine Imagepflege legt, aber gehörig unter Druck zu geraten. Zu den Berichten über geöffnete Feldpost und den bei unsachgemässem Umgang mit der Dienstwaffe „versehentlich“ erschossenen Soldaten, passen ihm die Geschichten so gar nicht in den Kram. Um sich nicht den Vorwurf einer zu laschen Führung gefallen zu lassen, wollte er nun Stärke demonstrieren und auf das in den letzten Tagen oft abgelegte Versprechen einer lückenlosen Aufklärung nun erste Taten folgen lassen.
Es gibt aber auch Stimmen, die ein ganz anderes Bild von der Stimmung an Bord wiedergeben. Sicherheit an Bord werde grossgeschrieben, der Kapitän Norbert Schatz sei ein freundlicher und offener Kommandant und das Aufentern, das Klettern in die Masten des Schiffes, vollkommen freiwillig. Auf einer privaten Homepage des Schiffes liest man aus den Gästebuchkommentaren der Mutter eines 2002 verunglückten Soldaten, sie sei damals sehr gut informiert worden und stellt der Marine ein durchweg gutes Zeugnis aus.

Natürlich passen die Details über den rauhbeinigen Umgangston auf der Bark nicht in das repräsentative Konzept der Bundeswehr und speziell der Gorch Fock. Der harte Tonfall, mit denen die Soldaten konfrontiert werden, erstaunen ja nicht grundsätzlich. Selbst Sprüche unter der Dusche liegen wohl innerhalb dessen, was man so vermuten würde, ohne dass man gleich von sexueller Belästigung sprechen muss. Sollten die Berichte jedoch stimmen, so ist es direkt nach dem Tod der Soldatin an Bord zu einigen Geschmacklosigkeiten gekommen, die eindeutig zu weit gingen. Auch ist die Häufung der tödlichen Unfälle auffällig. Auf vergleichbaren Schiffen anderer Nationen kam es im gleichen Zeitraum nicht zu einer solchen Bilanz.
Hier wird eine Untersuchung hoffentlich Licht ins Dunkel bringen. Was die weitere Zukunft des teuren Prestigeobjektes angeht… wir werden sehen.

Hier ein Videozusammenschnitt der aktuellen Berichterstattung: